19.10.13

[Empören] Ich will gleichberechtigt sein.

Der Liebste und ich machen uns Gedanken über unsere Lebensplanung. Wir sind sehr verliebt, wir sind uns sicher miteinander - wir kennen uns nun ja auch schon sehr lange. Und wir sind uns schon immer einig gewesen: 3-4 sehr geliebte Kinder sollen es sein. Irgendwann. Aber das Ganze darf man nicht blauäugig angehen und wir wollen natürlich so viel wie möglich vorher darüber nachdenken.


Baby im Studium? Verrückt?

Dass ein Baby im Studium eine gute Entscheidung wäre, zeigen einige Aspekte, die man auf den ersten Blick natürlich nicht erkennt. Zuerst denkt man: Prüfungsstress, schlaflose Nächte, Doppelbelastung, keine finanzielle Sicherheit und noch so jung. Fakt ist, dass viele Alleinerziehende wirklich eine schwere Zeit mit Studium und Kind haben und sicherlich mehr leisten müssen als ihre partymachenden Freunde. Auch für Leute mit älteren, berufstätigen Partnern ist es vielleicht eine ganz andere Situation, als für mich und den Liebsten, die wir beide studieren.
Mein Studium ist nicht geprägt von Klausuren, ich musste im Grundstudium die Prüfungen in Bibelkunde AT und NT, Griechisch und Hebräisch bestehen, ansonsten viele Hausarbeiten schreiben, die für mich persönlich allerdings wesentlich entspannter, wenn auch zeitaufwändiger sind. Der Liebste ist ohne viel Arbeit ziemlich gut in der Uni Streber und mit einem geregelteren Lernplan wäre er das weiterhin. Da mache ich mir keine Sorgen. Finanziell sieht's gut aus, ich bekäme länger und ein bisschen mehr Bafög, wir haben beide gute Hiwi-Jobs, es gibt Wohngeld, Erstausstattung, z.T. auch Krippenplätze vom Jugendamt finanziert und Kindergeld, usw. Außerdem leben wir sparsam und bewusst und kamen auch vorher schon gut mit unserem Unterhalt bzw. Bafög aus, während das bei anderen Kommilitonen nicht einmal bis zur Monatsmitte reicht.

Ein weiterer Vorteil ist, dass wir beide gleichberechtigt unser Studium beenden wollen. Es ist nicht so, dass der eine schon arbeitet, während der andere Mühe hat, die Uni irgendwie auf die Reihe zu bekommen. Wir werden nie wieder so flexibel sein wie jetzt und nie wieder können wir so viel selbstbestimmt von zu Hause arbeiten wie jetzt im Studium. Worst Case-Szenarien gibt es da natürlich auch in meinem Kopf. Was ist, wenn ich partout diese Hausarbeit nicht fertig bekomme? Ab zu den Eltern. Wenn der Liebste mit Kind auch mitkommt und tagsüber bei seinen Eltern, die 8km von meinen entfernt wohnen, ist, dann können wir uns auch zwischendurch sehen und uns womöglich abwechseln, während der andere in einer stressfreien Seifenblase lernen kann. Das geht natürlich nur, wenn die Eltern mitspielen - aber das würden sie, haben sie schon gesagt.

Es spricht einfach sehr viel für ein Kind im Studium - nicht zuletzt, dass auch der Papa sich kümmert und eine frühkindliche Bindung zu seinem Baby aufbaut. Denn diese Szenen, in denen die Kinder sich streiten, wer neben Papa sitzen darf, weil er einfach rare Mangelware ist, oder, in denen Kinder ihren Vater als gruselig empfinden, weil sie nur mit ihrer Mutter Zeit verbringen und der Papa seine 8h arbeitet, sind Horrorvisionen für mich.

Und genau da ist der Knackpunkt: Wie gleichberechtigt sind Eltern?

Wir sind normalerweise gleichberechtigt. Er geht einkaufen, dafür putze ich öfter die Küche. Er wäscht, ich räume ein. Wir managen den Laden gemeinsam. Und das soll auch so bleiben.
Kann es aber nicht.

Es gibt gar nicht so viele Alternativen zu dem Modell, wie es seit eh und je besteht: Der Papa geht arbeiten und holt das Geld ran. Die Mama ist zu Hause (zumindest zeitweise, zumindest in den ersten Monaten) und kümmert sich ums Kind und den Haushalt. Er kriegt das erste Wort seines Kindes nicht mit, sie verdient (obwohl sie ja faktisch arbeitet!) kein Geld. Er ist etwas Besonderes (negativ oder positiv), ihre Welt dreht sich um Windeln und Schnuller. Irgendwie sind sie ein Team, indem Arbeitsteilung gelebt wird. Aber andererseits gibt es keine Wahl für die Frau. Sämtliche Frauen im Umfeld warnen uns vor dem Kinderkriegen: das will gut überlegt sein und sowieso war das damals obernervig, als der Mann arbeiten war und man selbst nur Stress mit den Kindern hatte. Die Zeit war auch schön, aber ich wollte eigentlich auch gern arbeiten.
Ich will eigentlich auch entscheiden können. Und zwar nicht zwischen "Kind mit einem halben Jahr in die Krippe bringen" oder "das war's dann mit Arbeit". Das ist keine Wahl. Meine Berufsausbildung inkl. Studium und Vikariat dauert 12 - ZWÖLF - volle Jahre. Danach erst habe ich die Chance auf einen vollwertigen Job. Und wenn ich mir den nicht besorge, hab ich Nachteile im Berufsleben, obwohl ich (ich schreib's nochmal) ZWÖLF Jahre darauf hingearbeitet hab. Wenn der Liebste und ich, wie geplant, 3-4 Kinder möchten (vielleicht ist es ja auch nach zweien genug, aber das weiß man ja vorher nicht), dann wäre ich ca. 10 Jahre einfach mit Kindererziehung zu Hause beschäftigt, bevor ich überhaupt richtig zum Arbeiten komme. Das ist unfair.
Mir gegenüber. Dem Vater gegenüber. Dem Kind gegenüber.

Es ist nicht so, dass ich mir nicht wirklich Kinder wünsche (ob jetzt oder später) und gerne eine tolle, liebende Mama sein möchte - gerade deshalb möchte ich ja den Vater an meiner und vorallem des Kindes Seite haben. Genau deshalb möchte ich einen Ausgleich im Beruf haben und genau deshalb möchte ich mein Kind nicht so früh in die Krippe bringen.Ich möchte gleichberechtigt, wie wir jetzt auch sind, ein Leben führen, in dem ich nicht bittersüße Erinnerungen an die Kleinkindphase habe.

Gute Artikel zum Projekt 50/50: Halbzeitjobs und -elternschaft für beide.


Ich möchte niemanden verurteilen, der sich für den "konventionellen" Weg entschieden hat. Das ist okay für mich. Ich kenne nur sehr viele Mütter, die im Nachhinein mit einem lachenden und einem weinenden Auge an ihre Zeit zu Hause mit kleinen Kindern denken. Ich möchte einfach nur die Wahl, eine echte Wahl haben. Und gerade Akademikerfrauen, die übrigens zu nahezug 50% kinderlos bleiben, wird es so schwer gemacht sich für Kinder und konventionell gesehen, damit gegen eine lange Zeit im Job (sofern sie nicht ihre Kinder in die Krippe geben) zu entscheiden.

Kommentare:

  1. Ich mag deine Gedanken sehr, denn die mache ich mir im Moment ähnlich. Mein Studium, und auch das meines Herzmannes, ist in einem Jahr vorbei, dann sind wir weder bereit dafür noch fühlen wir uns so, dass wir diesen Schritt machen möchten. ABer würden wir noch den Master hinten dran hängen, wäre das schon eine ganz andere Sache, denn genau wie du sagst: Das Studium ist eine gute Zeit um ein Kind zu bekommen. Es gibt keine Anwesenheitspflicht, vieles lässt sich von zuhause erledigen, und notfalls macht man halt ein Jahr länger. Who cares? Dafür viel Zeit fürs Kind und extreme flexibilität.

    Was du zum Thema Wahl haben schreibst, stimmt natürlich auch. Und zwar sehr. Es ist schade. Sehr schade.

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  2. Schade dass sich alles viel zu genau kontrollieren und planen lässt. Manchmal müsste es einfach passieren.
    Wir haben es passieren lassen. Es kam doch anders als erwartet (das heißt ich hab weniger studiert als gedacht) und es ist großartig wie es ist. Im Moment verbringen wir zwei Monate in Afrika. So schön ist Studieren mit Kind!
    Alles Gute!
    Fräulein Rucksack.

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    1. Ja, vielleicht ist es schade. Denn wenn's passieren würde, dann würde das auch klappen. Da bin ich relativ sicher. Oder eben so sicher wie man da sein kann...

      Aber jetzt ist es eine bewusste Entscheidung. Und ich möchte nicht beim Hätte-Hätte-Fahrradkette landen in fünf Jahren, sondern durchdacht Ja oder durchdacht Nein sagen können. Wir beide. Denn es ist ja auch eine Sache der Beziehung... Ich bin nicht die einzige, die das zu entscheiden hat. Und dass so viele Beziehungen kaputt gehen, besonders mit Kindern, das macht Angst... :(

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